Forderungen an die Flüchtlingspolitik

Was sich Anu-Cathrin Beck von den Malteser Werken von der Politik erhofft.

by Julia Wegner, December 18, 2015

“Wir schaffen es!” So heißt es zumindest aus der oberen Ecke der Politik. Aber wie sieht es bei den Menschen aus, die es tatsächlich schaffen müssen? Und was wünschen sie sich von der Kanzlerin, damit es besser zu schaffen ist?

Das wollten wir wissen und haben uns dafür an eine Organisation gewandt, die Tag für Tag mit den realen Auswirkungen der theoretischen Politik zu kämpfen hat. Anu-Cathrin Beck von den Malteser Werken erzählt uns, was sie sich von der Politik wünschen würde.

Speziell für die Arbeit der Hilfsorganisationen wäre es schöner…

  1. mit bundesweit einheitlichen Qualitätsstandards!

Diese sind besonders wichtig, um die notwendigen Angebote für Geflüchtete bereitstellen zu können, anstatt immer mit Ländern und Kommunen in Diskussionen zu kommen.

Qualitätsstandards sind derzeit bundesweit sehr verschieden. Und bestimmte Qualitätsstandards, auf die die Malteser in ihrer Betreuung setzen, sind in manchen Bundesländern leider immer noch kein Selbstverständnis.

Nehmen wir zum Beispiel den Betreuungsschlüssel. In einer Unterkunft in der 24 Stunden am Tag Geflüchtete aufgenommen werden, setzen die Malteser auch rund um die Uhr Personal zur Betreuung und zum Schutz ein. Außerdem gibt es in allen Gemeinschaftsunterkünften der Malteser beispielsweise Kinderstuben, Frauentreffs und Gebetsräume. Darauf sollte auch bundesweit geachtet werden.

Foto: Christof Schlotmann, Malteser Werke

  1. wenn es einen Masterplan für Geflüchtete gäbe!

Es muss einen roten Faden oder eine Art Übergabesystematik für Geflüchtete von der Erstaufnahme bis zum selbständigen Leben geben. Es muss deutlich werden, für die Menschen die ankommen, welche Stationen sie durchlaufen werden und in welchem Zeitrahmen. Stattdessen werden Geflüchtete derzeit im Ungewissen gelassen, die Meisten kriegen ihre Informationen nur über Bekannte oder Schlepper. Gerade die Sicherheit, zu wissen was als nächstes kommt, ist nach der Flucht jedoch extrem wichtig.

  1. wenn es mehr Planungssicherheit gäbe!

Besser wäre die Flüchtlingspolitik mit mehr sicherheitsgebenden Perspektiven für die Hilfsorganisationen. Da derzeit viele neue Arbeitsplätze geschaffen werden, bedarf es auch einer gewissen Planungssicherheit für die nächsten Jahre, um die neuen MitarbeiterInnen auch längerfristige Arbeitsverträge anbieten zu können. Derzeit beauftragen Länder und Kommunen die Hilfsorganisationen für die Betreuung der Flüchtlinge in Einrichtungen nur für mehrere Wochen oder Monate.

Die Frage bleibt, wovor sich die Regierung fürchtet, angesichts der Tatsache, dass eine Reduzierung der Flüchtlingszahlen unwahrscheinlich ist. Statt Sicherheit herrscht weiterhin eine generelle Unsicherheit. Es gibt zwar viel Bewegung aber auch immer noch zu viele offene Punkte, Fragen und Herausforderungen.

  1. hauptamtliche Ehrenamtskoordination der Norm entsprechen würde!

Der Staat muss einen Rahmen schaffen für die ehrenamtlichen Koordinationsstellen. Auch die Malteser sind leidtragend, weil vor allem in den Notunterkünften, aber auch in den anschließenden Gemeinschaftsunterkünften, viel ehrenamtlich passiert. Um als gutes Beispiel voran zu schreiten und Best Practice zu entwickeln haben die Malteser nun in einigen ihrer Unterkünfte in NRW hauptamtliche Ehrenamtskoordinatoren eingestellt. Der Bund muss nun dafür sorgen, dass dies auch bundesweit umgesetzt wird.

Außerdem haben die Malteser beim Thema Flüchtlingspolitik auch noch weiter gefasste Wünsche und Forderungen die zwar nicht ihre Arbeit direkt beeinflussen, die aber aus eigener Erfahrung für die Flüchtlingspolitik von großer Bedeutung sind.

 

Schöner wäre die generelle Flüchtlingspolitik wenn …

  1. ein Zuwanderungsgesetz für Arbeitsmigration geschaffen würde!

Ohne ein solches Gesetz für nicht EU-ler bleiben Asylanträge meistens die einzige Option in Deutschland arbeiten zu können. Deutschland liegt bei der Einführung eines solchen Gesetzes im internationalen Vergleich weit hinten. Kanada schreitet hingegen als gutes Beispiel voran. Ein Zuwanderungsgesetz für Arbeitsmigration würde einerseits gut ausgebildeten Menschen die Möglichkeit geben, direkt als ArbeitsmigrantInnen nach Deutschland zu kommen und andererseits das Asylverfahren entlasten.

Foto: Rüdiger Lubricht, Malteser Werke

  1. es mehr Programmen für politische Bildung gäbe!

Um jeglichem Extremismus entgegen zu wirken muss viel mehr in der politischen Bildung getan werden. Einige lokale Initiativen setzen sich in diesem Bereich bereits tatkräftig ein. Doch muss hier deutschlandweit mehr getan werden.

  1. genügend sozialer Wohnraum geschaffen würde!

Und zwar sowohl für Geflüchtete als auch für die deutsche Bevölkerung. Das muss einfach besser werden.

Am aller schönsten wären aber natürlich, auch aus Sicht der Malteser…

  1. es europäische Standards in der Flüchtlingspolitik gäbe!

Die Flüchtlingspolitik braucht europäische Lösungsansätze. Beim Thema Verteilung steht für die Malteser fest, Grenzen dicht machen ist keine Möglichkeit. Es muss also eine gemeinschaftliche Lösung geben um langfristig Integrationsmöglichkeiten sichern zu können.

Diese Wünsche oder auch Forderungen der Malteser zum Thema Flüchtlingspolitik werden mittlerweile auch oft direkt an die Politik gestellt. Obwohl die Malteser Werke politisch neutral sind und bleiben, wird ihre Expertise immer häufiger von PolitikerInnen genutzt. Der immense Handlungsbedarf und die praxisnahen Erfahrungen der Malteser-MitarbeiterInnen erlauben es Ihnen gewisse Dinge anzusprechen, um die Umsetzung anzukurbeln und so Hilfsorganisationen zu ermöglichen ihren Auftrag bestmöglich zu erfüllen. 

Die 1989 gegründeten Malteser Werke, mit ihren heute über 1.600 MitarbeiterInnen, verantworten im Auftrag von Bundesländern und Kommunen Betreuungseinrichtungen für Migranten und sind in der Jugend-, Familien- und Suchthilfe aktiv. Darüber hinaus engagieren sie sich in der Schulsozialarbeit und sind selbst Träger von Schulen.

Dieser Artikel ist der vierte in unserer Serie zum Thema ‘Teilhabe‘ von Geflüchteten an unserer Gesellschaft. Im ersten Teil haben wir die innovativsten Berliner Flüchtlingsprojekte vorgestellt. Im zweiten Teil erklärte uns Gloria Amoruso von ‚Kein Abseits‘ welche Rolle Bildungschancen beim Thema Integration spielen. In Teil drei hat uns Hadi Nsrini von Über den Tellerrand Gucken anvertraut welche Wirkung Flüchtlingsprojekte aus der Perspektive der Geflüchteten wirklich habenLust auf mehr? Dann klick hier: teilhabe.thechanger.org.