Was ist eigentlich Teilhabe?

Annäherung an einen Begriff auf sprachlicher, rechtlicher und gesellschaftlicher Ebene.

by Katharina Fabian, November 22, 2015

Gibt man die Begriffe „Gesellschaftliche Teilhabe“ und „Deutschland“ ins Suchfenster ein, findet man an erster Stelle einen Artikel der Piratenpartei, an zweiter einen des Zukunftsministeriums, Teil des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Soziales, Familie und Integration. In dem Text der Partei geht es um die Teilhabe von „Menschen mit Migrationshintergrund“, in dem des Ministeriums um die Inklusion von Menschen mit Behinderung. Was genau bedeutet also Teilhabe, in welchen Bereichen spielt sie eine Rolle und wie verändert sich dieses gesellschaftliche Konzept? Wir haben uns auf die Suche nach einer Definition gemacht.

Teilhabe im sprachlichen Kontext

Der Duden schlägt drei Synonyme für das Wort Teilhabe vor: Anteil, Anteilname, Teilnahme. Das macht Sinn, wenn man berücksichtigt, dass das im Englischen verwendete Partcipation, im Deutschen Partizipation, dem lateinischen participatio, entstammt. Das Wort ergibt sich aus seinen einzelnen Bestandteilen pars (Teil) und cipere (nehmen). Die Anteilnahme wiederum vereint die Synonyme Beteiligung, Einsatz, Mitwirkung und (bildungssprachlich) Engagement unter sich. Engagement ist das „Gefühl des Verpflichtetseins zu etwas“. Auch das Wort „Mitverantwortung“ taucht in der Definition auf.

Teilhabe im rechtlichen Kontext

Ein Beispiel: In § 4 Sozialgesetzbuch IX sind die „Leistungen zur Teilhabe“ für Menschen mit Behinderung verankert. Raul Krauhausen, Aktivist und Mitbegründer des Vereins Sozialhelden e.V., außerdem Initiator von Wheelmap.org und Leidmedien.de, setzt sich mit seiner „Petition für ein gutes #Teilhabegesetz“ (Link am Ende des Artikels) dieser Zeit für das Recht auf Sparen ein. Bisher ist es so, dass die Assistenzkräfte, die derzeit etwa 300.000 Menschen mit Behinderungen in Deutschland im Alltag unterstützen, im Rahmen der „ergänzenden Sozialhilfe“ finanziert werden. Problematisch dabei: Die auf Hilfe angewiesenen Menschen werden in diesem rechtlichen Konstrukt wie Menschen behandelt, die nicht arbeiten und kein Einkommen haben. Das bedeutet, dass sie nicht mehr als 798 € verdienen dürfen. „Alles, was darüber hinaus geht, wird mit mindestens 40% vom Sozialamt eingefordert. Es ist also höchst unattraktiv für diese Gruppe von behinderten Menschen einer geregelten Arbeit nachzugehen, sie würden aber gerne arbeiten“, sagt Krauthausen. Die hiervon Betroffenen dürfen zudem maximal 2.600 € ansparen und keinen Bausparvertrag und keine Lebensversicherung besitzen und müssen weitere haarsträubende Einschränkungen erdulden. Auf rechtlicher Ebene gibt es also noch Vieles zu tun.

Teilhabe im gesellschaftlichen Kontext

Glücklicherweise ist der Begriff Teilhabe immer öfter Bestandteil politischer, sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Konzepte. In diesen Konzepten geht es um Integration, Inklusion, Barrierefreiheit. Zahlreiche Stiftungen und Vereine in Deutschland fördern Teilhabe-Projekte und setzen sich für einen offenen und fairen Diskurs ein. Viele Start-Ups bringen mit ihren Ideen den Teilhabe-Gedanken voran. Auch wenn die aktuelle Nachrichtenagenda nicht den Anschein erweckt, das Konzept der Teilhabe gewinnt stetig an Aufmerksamkeit, gleichermaßen auf gesundheits-, wie auch auf kultureller und bildungspolitischer Ebene. Trotzdem gibt es immer noch an zu vielen Stellen Lücken, die dringend geschlossen werden müssen. Menschen mit Behinderung, Menschen mit Migrationshintergrund, alte Menschen, junge Menschen, kranke Menschen, kurz: Menschen, die in körperlicher oder sozialer Weise benachteiligt sind, werden auch heute noch zu oft als „die zu Versorgenden“ angesehen. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass Teilhabe viel mehr als Gleichstellung meint: Teilhabe bedeutet Selbstbestimmung.

Das Fazit

Eine korrekte Definition müsste also zwei Bedeutungsebenen haben: Mit Teilhabe ist einerseits das Engagement von Menschen für Menschen gemeint, andererseits meint Teilhabe aber ganz wörtlich das aktive, selbstbestimmte und möglichst uneingeschränkte „Anteil haben“ an unserer Gesellschaft. Der Begriff, genauso wie das Konzept, müssen sprachlich wie operativ einem ständigen Sensibilisierungsprozess unterliegen, der hoffentlich eines Tages darin mündet, dass das Anteil haben benachteiligter Menschen an der Gesellschaft so selbstverständlich ist, dass es nicht mehr explizit benannt werden muss.

Teilhabe Vorreiter Beispiele

Hier ein paar Beispiele engagierter Projekte, bei denen auch Du Dich für Teilhabe einsetzen kannst:

Kein Abseits! e.V.

Seit 2011 setzt kein Abseits! e.V. Bildungs- und Integrationsprojekte in Kooperation mit Berliner Grund- und Hochschulen um. Kinder aus sozial benachteiligten Familien – häufig mit verschiedenen kulturellen Hintergründen und Flüchtlingsstatus – werden individuell und ganzheitlich gefördert. Im September erhielt kein Abseits! e.V. das Phineo-Wirkt-Siegel.

Wir für Flüchtlinge e.V.

Das Eins-zu-Eins Mentoring-Programm fördert Beziehungen zwischen jugendlichen Geflüchteten und gleichaltrigen Schülern, Studenten und Berufstätigen. Der Verein setzt ein spezielles Augenmerk auf die Berufsorientierung und organisiert Praktikums- und Ausbildungsplätze für seine Schützlinge bei lokalen Unternehmen.

Petition für ein gutes #Teilhabegesetz

300.000 Menschen mit Behinderungen in Deutschland leben mit Assistenz. Das heißt: Sie brauchen Unterstützung beim Kochen, bei der Körperpflege, beim Anziehen und anderen Tätigkeiten des Alltags. Dies wird im Rahmen der „ergänzenden Sozialhilfe“ finanziert. Das Problem: Es gelten für sie die gleichen Regeln wie für Menschen, die nicht arbeiten und kein Einkommen haben. Hier geht es zur Petition, die dieses Problem lösen will.

Lust auf mehr? Dann klick hier: teilhabe.thechanger.org.

***Um die Engagierten und die Politik dabei zu unterstützen die gesellschaftliche Teilhabe für alle Menschen zu öffnen, werden in Zusammenarbeit mit PEP nun auf teilhabe.thechanger.org andauernde Probleme und innovative Lösungsansätze vorgestellt und diskutiert. Hier geht es zur Wirkungsschmiede für Teilhabe, ein Kooperationsangebot von PEP und den Maltesern.***